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Tilla Leinwig ist spontan, sinnlich, impulsiv und sie ist eine Harzer Hexe.

Als sie an Samhaim, dem Neujahresfest der Altgläubigen nach Bad Harzburg zurückkehrt findet sie ihre Mutter tot am Küchentisch, vor ihr ein tödlicher Aufguss aus Eisenhut.

Auf der Suche nach einer Erklärung für den völlig überraschenden Freitod ihrer Mutter stößt Tilla nicht nur auf ein Verbrechen, das dreißig Jahre zurück liegt, sie erfährt auch, dass ihre Mutter Kontakt zu einem mysteriösen Orden hatte. Dieser verlangt nun von Tilla die Herausgabe eines sagenumwobenen Schwertes.

Während Tilla fieberhaft nach der historischen Blankwaffe sucht, werden zwei Männer aus Tillas Bekanntenkreis an geschichtsträchtigen Orten hingerichtet. An den Tatorten findet die Goslarer Kripo Runen, was Tilla in den Fokus polizeilicher Ermittlungen geraten lässt.

Um die Geschehnisse aufzuklären, muss sie sich mit den Geschichtsstudien ihrer Mutter auseinanderzusetzen, die bis zur Varusschlacht zurückreichen.

 

 

 

Leseprobe:

 

... Die Wintersonnenwende 1977 sollte Ruhe schaffen - dringend benötigte Ruhe nach den Greueltaten des vergangenen Jahres. Eines Jahres, in dem sich jede halbwegs vernünftige Fernsehgröße um die Moderation des unverzichtbaren Jahresrückblickes herumdrückte. Niemand mochte zurückschauen auf so viel Gewalt und Mord. Es war ein Jahr der Extreme gewesen. Radikale Linke hatten ebenso viel Unrecht geschaffen wie radikale Rechte.

Einzig der Harz und sein Umland durften sich ein Schmunzeln erlauben: als bekannt wurde, dass die DDR, die mit der Grenze durch das urgermanische Naturschutzgebiet eine schmerzende Wunde gezogen hatte, zehntausend Volkswagen vom Typ Golf bestellte.

 

Wintersonnenwende – seit Urzeiten feierte man in der Nacht zum 21. Dezember die Rückkehr des Lichts. In der christlich geprägten Welt war das Fest auf den 24. Dezember verschoben worden und hatte den Namen „Weihnacht“ bekommen. Doch im im Harz, wo sich der alte, an der Natur orientierende Glaube länger gehalten hatte als anderenorts, huldigte man hier und da noch dem Sonnenfest. Auch in diesem Jahr sandte so manches Fenster der Harzer Holzhäuser die Jahrtausende alte Botschaft in die dunkle Winternacht: Wanderer mögen diesem Licht folgen und hier Schutz vor Odins wilden Horden suchen.

Jene, die in der längsten Nacht des Jahres für die Wiederauferstehung des Lichts beteten, gehören zu einer uralten Zunft von Gläubigen, deren Religion bis in die Zeit der stolzen Kelten zurückreicht.

Eine dieser Wintersonnenwendfeiern im Oberharz fiel in diesem Jahr jedoch recht verhalten aus. Das traditionelle Gebäck in Form eines Hirsches - den Keltengott Cernunnos darstellend – blieb fast unberührt liegen. Auch dem Met wurde nur mäßig zugesprochen. Sechs Wochen zuvor, an dem Tag, an dem man im alten Glauben das Neujahresfest feierte, war eine Altgläubige schmachvoll missbraucht worden. Die junge Frau, die aus tiefster Seele an das Gute im Menschen glaubte, verstand das ‚Warum’ des Verbrechens an ihr nicht.

Ihre Sinne waren durch die mit ihrem Glauben verbundene besondere Lebensform sensibler als bei den meisten Menschen. Doch jetzt waren sie von der Erniedrigung wie gelähmt, so dass sie nichts von dem ahnte, was sich an diesem Wintersonnenwendfest um sie herum zusammenbraute. Hätte sie geahnt, was man ihretwegen vorhatte, sie hätte trotz des Kummers versucht, es zu verhindern.

Das Haus, in dem die junge Frau lebte, stand als eines der letzten ganz oben im Hang von Braunlage, einem schmucken Ort im Oberharz, der im 13. Jahrhundert als Waldsiedlung entstanden war. Trotz der Touristen lebte man in dörflicher Anteilnahme zusammen. Man wusste, die junge, schöne Frau und ihre Mutter kamen nicht von hier, man wusste auch, sie hatten einen anderen Glauben, aber beide waren herzlich in die Gemeinschaft aufgenommen worden.

Man war entsetzt. Der Zorn brach sich Bahn. Kaum beherrschbar. Es war ein Unrecht geschehen und wie immer, so zog auch hier ein Unrecht das nächste nach.

 

 

 

 

 

ne sexum in imperiis discernunt …

beim Oberbefehl machen die Celtae keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern.

Tacitus Agricola 16

 

 

Ihr kleiner alter Geländewagen, dessen Gaspedal Tilla so ungnädig niedertrat, gab beunruhigende Geräusche von sich. Auch die großen weißen Ranken, die sie kurzerhand über die Rostschäden gepinselt hatte, konnten nicht über den Zustand ihres Gefährts hinwegtäuschen.

Tilla ließ die Ebene des südlichen Salzgitters rechts liegen. Noch ein paar Kilometer weiter und sie würde den Brocken bereits in der Ferne sehen können. Ihr Blick heftete sich geradezu zwanghaft auf den Horizont. Endlich. Die Harzberge tauchten auf. Schlagartig verflüchtigten sich alle schlechten Gefühle in Tillas Innerem. Fast konturengleich mit den Berggipfeln schmiegten sich schwere graue Wolken an die sanft gerundete Gipfellinie von Brocken, Achtermann und Rammelsberg. Die zweiten Wolkengipfel, die sich wie weitere Berge ausnahmen, machten den Harz an diesem Tage zu einem gewaltigen Massiv. Tilla wusste, dass der Mantel, den der Harz an diesem Tag trug, dem Oberharz schlechtes Wetter, Regen und dichten Nebel brachte, während um sie herum auf der Autobahn A 395 noch die Sonne schien. Sie wunderte sich wieder einmal, wie sehr sie sich über den Anblick der Harzkuppen freute, die einst das von den Römern so gefürchtete Waldgebiet Hercynia eröffneten.

Sie hatte ihre Mutter am Morgen mehrfach vergeblich anzurufen versucht. Hedera wusste nicht, dass sie kam. Doch Tilla war nicht der Mensch, der von einem spontanen Entschluss abließ. Sie redete sich damit froh, dass Hedera vielleicht zu einem ihrer häufigen Spaziergänge aufgebrochen war, bei denen sie Kräuter für ihre Naturmedizin sammelte. Tilla betrachtete die letzten gelben Blätter, die vereinsamt umherwehten, und murmelte kopfschüttelnd: „Blödsinn, Kräuter am ersten November. Verdammt Mutsch, wo bist du?“

Merkwürdig. Es war die Nacht nach Samhaim, dem höchsten Feiertag der Altgläubigen. Wieso war ihre Mutter nicht zu Hause? War sie vielleicht bei anderen Altgläubigen eingeladen gewesen?

Für sie und die Ihren begann mit Samhaim das neue Jahr. Grund genug für Tilla, die spannungsgeladene Beziehung zu ihrer Mutter auf eine neue, gesundere Basis zu stellen. Tatsächlich hatte ihr das Verhältnis zu Nina gezeigt, wie zerbrechlich so eine Beziehung zu Kindern sein konnte und wie vorsichtig man als Erwachsener mit einem jungen, unsteten, weil suchenden Geist umgehen musste. Plötzlich gab so viel, was sie ihrer Mutter erzählen wollte. Es gab auch vieles, was sie ihre Mutter fragen wollte.

Hedera hatte sie allein aufgezogen. Tilla gab in Gedanken zu, dass Hedera ihre Sache nicht besser hätte machen können. Ihr hatte es an nichts gefehlt. Dennoch hatte Tilla sich oft gewünscht, mehr über ihren Vater zu erfahren oder Verwandte ihres Vaters zu treffen, vielleicht eine zweite Großmutter, Tanten oder Cousins. Das Bild von Großmutter Leandra tauchte vor ihrem inneren Auge auf und ließ sie weich lächeln.

Nein. Dieses Mal würde sie sich nicht mit einer romantisch verklärten Antwort bezüglich ihres Vaters zufrieden geben. Sie wollte seinen Namen, damit sie Nachforschungen anstellen konnte.

Der Brocken wurde immer größer – und damit auch Tillas Angst vor den Fragen, die ihre Mutter stellen würde. Ihre Kampfeslust vom Moment zuvor fiel kläglich in sich zusammen. Sie wusste, schon die lapidare Frage, was sie so trieb, würde sie zu hektischer Beredsamkeit veranlassen, die ihre Mutter dann sofort durchschauen würde. Hedera würde traurig den Blick senken und nicht weiter nachhaken. Tilla hatte diesen Blick auch vor sich gesehen, als sie ihrer Mutter am Telefon mit vielen, meist unnötigen Worten erklärt hatte, warum sie das Studium aufgegeben hatte.

Mit schmerzlicher Klarheit dachte Tilla darüber nach, was sie trieb. Nichts. Nichts, auf das man irgendwie stolz sein könnte. Sie war eine Versagerin.

Früher hatte sie ebenso engagiert Englisch wie Geschichte studiert. Lehrerin hatte sie werden wollen. Dann hatte sie begonnen, abends in der Studentenkneipe Blue Note zu kellnern. Kurze Zeit später hatte sie nur noch gekellnert. An Mabonadh, Mitte September, hatte sie eingesehen, dass es so nicht mehr weitergehen konnte. Ihre Kommilitonen hatten ihr Studium schon erfolgreich abgeschlossen und waren alle zu neuen Ufern aufgebrochen. Tilla hatte einen Entschluss gefasst und einen Tag nach Mabonadh, der Tag-und-Nacht-Gleichen des Herbstes, ihre Sachen gepackt und Göttingen den Rücken gekehrt, um nach Braunschweig zu ziehen. Der Nachteil war, Achim lebte in Braunschweig. Der Vorteil war, Nina lebte in Braunschweig.

Wieder wurden ihr die Augen feucht, als sie daran dachte, wie sehr sich Nina über diese Neuigkeit gefreut hatte. Seither hatten sie sich mehrfach heimlich getroffen. Tilla hatte ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft in Lehndorf bezogen und kellnerte in einer kleinen Kneipe im Magniviertel. Es war in Ordnung. Aber aus Sicht ihrer Mutter war es sicher ein kleines Leben - ein sehr kleines.

   Der Motor erstarb mit einem würgenden Gurgeln. Vor ihr erhob sich ein kleines Siedlungshaus. Zwischen Haus und einem Schuppen war ein großer Garten zu sehen, dessen Üppigkeit sogar zu dieser Jahreszeit erkennbar blieb. Efeu hielt das schmucklose Häuschen etwa zur Hälfte mit seinen langen grünen Fingern umfasst und gab ihm etwas Verwunschenes. Der Anblick des Hauses, in dem sie aufgewachsen war, hatte Tilla stets mit Wärme an einstige Geborgenheit erinnert. Doch heute schien ihr das Haus irgendwie kalt und abweisend. Langsam stieg Tilla aus ihrem Wagen. Es war seltsam, dass so gar nichts darauf hin deutete, dass ihre Mutter zu Hause war. Der bewaldete Hang hinter dem Haus nahm den Räumen bereits am frühen Nachmittag das Licht. Eigentlich hätte das Küchenfenster beleuchtet sein müssen.

Als Tilla das niedrige Gartentor öffnete, kam ihr Paris mit lautem, sich beschwerendem Miauen aus Richtung des Schuppens entgegen. Tilla bückte sich und kraulte die Katze hinter den Ohren, doch das Tier genoss diese Zuwendung nur kurz und hüpfte die Treppenstufen zur Haustür hinauf. Neben einem riesigen ausgehöhlten Kürbis, in dem eine Kerze flackernd ihr letztes Licht abgab, drehte Paris einen gezierten Kreis. Auffordernd blickte sie Tilla an. Tilla kramte ihren Schlüssel hervor und schloss auf.

„Mutsch?“, rief Tilla, während sie durch den Flur ging. Paris lief den Flur entlang, blieb dann jedoch unschlüssig stehen. Mit einem langgezogenen tiefen Laut zeigte die Katze, dass ihrer Meinung nach etwas nicht stimmte. Eine Geruchsmischung aus unangenehm scharfem Kräutersud, abgestandener Luft und einem deplaziert wirkenden Hauch von Parfum zog Tilla entgegen. Sie schnupperte dem fremden Aroma hinterher, das sich durch die ins Haus strömende Frischluft verflüchtigte. Ein Aftershave?

„Mutsch? Bist du da? Ich bin’s!“ Tilla zog ihre Jacke aus und hing sie an die Garderobe im Flur. „Mutsch?“ Tillas Stimme wurde immer dünner. Zögerlich ging sie um die Ecke und spähte in die Küche.

Ihre Mutter saß unbeweglich im fast dunklen Raum in der Ecke der Küchenbank. Die Hände im Schoß, der Kopf war auf die Brust gesunken. Als Tilla den Lichtschalter umlegte, traf es sie wie ein Schlag.

 

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