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Die Hexenquelle

Auf der Flucht vor ihrem gewaltbereiten Ex-Ehemann verschlägt es Sarah Leitner und ihre kleine Tochter in ein einsames Dorf im Harz. Zu Anfang ist sie nur verwundert über die Ablehnung, die sie dort erfährt. Sie beginnt zu ahnen, dass die Menschen in diesem Dorf ein dunkles Geheimnis hüten, welches Sarah fast zum Verhängnis wird, als ihr ein Büchlein aus der Zeit der Hexenverfolgung in die Hände fällt. Denn genau dieses Dorf war einst Schauplatz eines grausamen Hexenprozesses, der an einer sagenumwobenen Quelle endete. Löste der Prozess tatsächlich einen Fluch aus? Was hat es mit dem rätselhaften Steinkreis auf sich? Warum mussten die Vorbesitzer von Sarahs Haus sterben? Zusammen mit dem jungen Pfarrer des Dorfes kommt sie dem Geheimnis auf die Spur. Doch dann taucht Sarahs Mann auf …

 

 

Neuauflage  als BoD lieferbar seit: 21.09.2015

ISBN: 9783738646245


Gesamtseitenzahl: 496
Anzahl Farbseiten: 0
Format: 12*19
Einband: Paperback

Ladenpreis: 15,50 €

 

  Leseprobe:

 

 

Regentropfen bahnten sich ihren Weg durch die Bäume und ließen das Herbstlaub leise knistern. Die Beamten hielten sich an Seilen fest, während sie vorsichtig die schlammige, steile Böschung herabstiegen. Es war erst kurz nach vier und doch schon so dunkel, dass sie Schwierigkeiten hatten, zu sehen, wo sie ihre Füße hinstellten konnten, die in völlig durchnässten Schuhen steckten, ohne in die Tiefe zu rutschen. Urplötzlich durchschnitt ein gleißender Lichtstrahl die Szenerie. Gleich darauf blitzten zwei weitere Halogenstrahler auf und zerteilten die milchige Dämmerung wie mit einem Skalpell. Es offenbarte sich ein Bild des Grauens.

Obwohl es um das auf dem Dach liegende Autowrack, unten in dem engen Tal und oben auf der schmalen Bergstraße von Polizeibeamten, Feuerwehrleuten und einer Gruppe von Einheimischen geradezu wimmelte, breitete sich jetzt bleierne Stille aus.

Nur langsam kam Leben zurück in die Szenerie. Männer und Frauen in weißen Tyvek Overalls packten Aluminiumkoffer und hangelten sich in die Tiefe. Selbst die Befehle der Feuerwehrleute, die mit ihren Seilen die Tatorttechniker sicherten, fielen weniger laut aus als sonst.

Gerd Wegener hatte schon einiges gesehen. Eigentlich war er mit seiner Familie aus Frankfurt weggezogen, um so etwas nicht mehr sehen zu müssen. Dennoch erfasste er das bizarre Szenario von der Straße aus mit professionellem Blick. Die Frau sollte laut den gefundenen Papieren Anfang Fünfzig gewesen sein. Schlank war sie, bemerkte Wegener anerkennend, der stets um den Erhalt seiner Figur bemüht war. Ihr Gesicht konnte er nicht erkennen. Von seinem Standort aus war nur eine blutige Masse zu sehen. Sie lag neben dem dunklen Wagen, der so zerstört war, dass sich auf den ersten Blick die Marke nicht ausmachen ließ. Der Mann lag bis zur Hüfte unter der Fahrerseite des Wagens. Beide Körper waren so zerschunden, dass der Drang sie zuzudecken, fast übermächtig wurde. Dünne Metallstreben, die einst als Zierleisten dienten, hatten sich durch Kleidung und Haut gebohrt. 

Wegener ließ den Blick schweifen. Der Wald wies an dieser Stelle überwiegend Fichten und ein paar Tannen auf. Am Grund der Böschung lagen zahlreiche Gerippe von quer liegenden, toten Nadelbäumen mit weißgrauen, nadellosen Ästen. Einer dieser knochenfahlen, in Jahren gebleichten, durch innere Trockenheit gestählten Äste stakte in dem Körper der Frau. Sie musste auf eines der pflanzlichen Gerippe geschleudert worden sein, dachte Wegener, während er Entsetzen und Widerwillen mit Macht hinter seiner, in vielen Jahren erworbenen Professionalität zurückdrängte. Dennoch konnte er nicht verhindern, dass er sich beim Anblick des weißen Astes in der Lunge der Frau fragte, ob es nicht eher eine menschliche Hand als der Sturz gewesen war, die diesen Ast durch menschliches Gewebe gestoßen hatte. Er schüttelte unmerklich den Kopf. Es musste an der mythengetränkten Atmosphäre des Oberharzes liegen, dass er auf so einen Gedanken kam.

Bewusst hakte er die Parameter seines kriminologischen Wissens ab und verglich sie mit dem Tatort. Dass die Leichen nicht erst seit dem Morgen hier lagen, sah Wegener sogar von seinem entfernten Standort aus.

Noch immer lehnte er tatenlos am Kotflügel seines Kleinwagens. Er kramte in seiner Jacketttasche herum, bis er endlich seinen Kaugummi fand. Mit einer schnellen und exakten Bewegung steckte er sich ein Dragee in den Mund, ohne das Treiben im Tal auch nur einen Lidschlag aus den Augen zu lassen. Es war schon Jahre her, seit er die letzte Zigarette angezündet hatte. Doch in Momenten wie diesem war der Drang, sich eine Kippe zwischen die Lippen zu klemmen, so groß, als habe er erst am Vortag mit dem Rauchen aufgehört. Der scharfe Minzgeschmack löste die Sucht gesteuerte Spannung etwas.

Noch war es nicht sein Fall und er war auch nicht sicher, dass dies sein Fall werden würde. Lörcke war ein guter Mann, aber vielleicht etwas voreilig gewesen, als er das Dezernat für Delikte gegen Personen und damit ihn alarmierte. Und doch … Wieder arbeitete sich sein Blick von Detail zu Detail. Irgendwie hatte er hier ein ungutes Gefühl.

Klamme, kalte Nässe zog ihm von unten die Beine hoch und drängte ihn, die feuchten Füße zu bewegen. Doch Wegener stand still da und betrachtete die Leichen.

„Wie lange?“, rief er der Rechtsmedizinerin zu, die vor der Frauenleiche hockte.

„Schwer zu sagen … Ich tippe auf mindestens sechs Tage.“ Ihr prüfender Blick maß die Umgebung. „Bei diesen niedrigen Temperaturen hält sich ein Körper.“

„Stammen alle Verletzungen vom Unfall?“

„Das nicht“, rief die Pathologin zurück und wies auf das zerstörte Gesicht der Toten.

„Tierfraß?“

Sie drehte sich nicht zu ihm um, aber ihr Kopf im weißen Plastikoverall nickte. Die Rechtsmedizinerin stand auf und wendete sich der zweiten Leiche zu.

Bedächtig kaute Wegener an seinem Kaugummi. Er fixierte den Beamten, der das Autowrack studierte. Wegener hatte bemerkt, dass sich Henning Meyer schon seit geraumer Zeit nicht mehr bewegt hatte und mit seiner Taschenlampe eine einzige Stelle beleuchtete.

Wegener wartete geduldig. Sein Blick fiel auf den Steinblock, der die eh schon enge Bergstraße begrenzte. Rötlich zeichnete sich ein Muster darauf ab. Es sah aus wie ein liegendes Horn.

„Gerd?“

Wegener wandte sich von dem sonderbaren Horn ab und dem Kollegen Meyer zu, der ihn gerufen hatte. 

„Sieht so aus, als sei die Servolenkung ausgefallen. Eine der Druckleitungen ist hin.“

„Rechnen wir sechs Tage zurück, da hatten wir Dauerregen“, murmelte Wegener eher an sein eigenes alter Ego gewandt und betrachtete die Serpentine sinnend. „Deswegen haben sie die Kurve nicht gekriegt.“ Nachdenklich kaute er auf seinem Kaugummi und fragte den Hang hinab rufend: „Und? Hat jemand die Lenkung sabotiert?“

Meyer zog sich die Latexhandschuhe mit einem klatschenden Geräusch von den Händen. Er zögerte. „Schwer zu sagen. Da war ein Bruch im Material und das Hydrauliköl ist ausgelaufen …“ Unschlüssig kehrte sein Blick zum Wrack zurück. Meyer wusste sehr wohl, dass der weitere Verlauf dieses Falles an ihm lag. Er zögerte.

„Was denn nun? Ist da was gebrochen oder gebrochen worden?“, fragte Wegener drängend.

Noch einmal nahm sich der Tatorttechniker Zeit. Dann antwortete er: „Gebrochen!“

„Sicher?“

Verhaltenes Nicken.

„Okay! Dr. Giresch?“, rief er erneut in den Grund der Böschung.

Die Rechtsmedizinerin tauchte hinter dem Wrack auf. „Glaube auch nicht, dass das hier ein Fall für Sie ist, Herr Wegener“, sagte sie in der ihrer typischen langsamen Art, „obwohl … es sieht ja wirklich schlimm aus.“ Unschlüssig sah sich die Ärztin um. „Warten Sie noch meinen Bericht ab!“

Gerd Wegener überlegte und ließ noch einmal prüfend seinen Blick schweifen. Für einen Unfall war er nicht zuständig. Doch das ungute Gefühl hing wie ein lästiges Störgeräusch in seinem Hinterkopf. Überall lag die Habe der beiden Unfallopfer verstreut. Offensichtlich hatten die beiden Silberborn verlassen wollen. Diverse Koffer hatten sich geöffnet und ihr gesamtes Innenleben über den Waldboden verteilt. Unschuldige Utensilien wie ein einzelner Schuh hier und dort die einstmals hübsche rote Bluse gaben der Szenerie etwas Unwirkliches. Vielleicht fraß sich deshalb die Unsicherheit wie ein Schimmelmyzel in den Köpfen der Anwesenden fest.

Wegener versuchte im Geiste das Geschehen zu rekonstruieren. Der Wagen war mit hoher Geschwindigkeit von oben gekommen, hatte den Stein mit dem gruseligen Horn darauf gestreift, bevor der Fahrer das Lenkrad veriss, das ihm mangels Lenkhilfe nicht mehr gehorchte. Viele Meter weit hatte sich der Wagen überschlagen und war dabei immer wieder auf einen der runden, aus dem Erdreich ragenden Felsen aufgeschlagen, bis er völlig ramponiert in den Fichtenleichen und deren Geäst zur Ruhe gekommen war. Bei so einem Sturz walteten enorme Kräfte.

„Die Menschen liegen außerhalb des Wagens und sind mit Metallstreben und Ästen durchbohrt. Es sieht aus, als habe jemand die beiden erstochen und dann deren Habe durchsucht’, hatte Lörcke sichtlich angeschlagen berichtet. Bizarr’, hatte Dieter Wolkert das Szenario genannt. Wolkert war ein erfahrener Mann. Auch Dr. Hannah Giresch, die Rechtsmedizinerin mit dem untrüglichen kriminalistischen Gespür, schien sich nicht ganz sicher. Wegener ließ sich die Worte der Kollegen noch einmal durch den Kopf gehen. Sein Blick glitt über eine Gruppe von Bewohnern des nächstgelegenen Dorfes, aus dem die Unfallopfer stammten.

Alle starrten gebannt in die Tiefe. Alle, außer dieser Frau, die Blicke geradezu magisch auf sich zog. Es störte sie keineswegs, dass Wegener die Gruppe und auch sie taxierte. Sie senkte ihre hellen Augen um keinen Deut. Es kam selten vor, dass Wegener vor einem Blick flüchtete. Doch nun war tatsächlich er es, der wegschaute. Das war ihm schon lange nicht mehr passiert. Er schüttelte den Kopf und rief seinen Kollegen zu: „Schickt mir den Bericht rüber. Vor allem guckt noch mal, ob ihr einen Hinweis auf Beteiligung eines anderen Fahrzeugs findet. Aber ich denke, das hier ist kein Fall für die Mordkommission.“

 

Zufrieden schaute die hochgewachsene Frau dem Kripobeamten aus Goslar hinterher, der sich anschickte, in seinen Wagen zu steigen.

„War’s gut? Ich hab doch alles richtig gemacht, nicht wahr?“, zischte der grobschlächtige, halslose Mann neben ihr tonlos ins Ohr und tappte wie ein Kind von einem Fuß auf den anderen. Seine rechte Schulter hing ein wenig herunter. Er leckte sich aufgeregt die Lippen. Gierig wartete er auf das Lob und reckte sich der Frau entgegen wie ein Seehund nach einer gelungenen Showeinlage.

Die Frau ließ sich Zeit. Endlich raunte sie ihm zu: „Ja, Konrad, alles war gut!“

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