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Eine junge Frau wird tot in einem Steinkreis oberhalb von Bad Harzburg gefunden. Tilla, bei der die Tote wohnte, ist überzeugt, dass die junge Archäologin ermordet wurde, doch die Goslarer Ermittler legen den Fall als Unfall zu den Akten.

Tilla beginnt auf eigene Faust zu ermitteln und erfährt, die Tote hatte an der Himmelsscheibe geforscht. Tilla stößt auf bisher völlig unbekannte Materialanalysen der berühmten Himmelsscheibe.

Wurde die Scheibe überhaupt in Sachsen Anhalt hergestellt? War Tillas Freundin einem folgenreichen Betrug auf der Spur? Dann taucht eine zweite, fast identische Himmelsscheibe in England auf. Staatsanwalt Dr. Berking nimmt den Fall der toten Archäologin wieder auf. Alle Spuren führen in die Archäologenszene. Die Goslarer Kripo und Staatsanwalt Berking brauchen Tillas Hilfe.

 

 

 

 

 

 

Zwei Tage nach Mittsommer

Die Sonne von Süden, des Mondes Gesellin

Hielt mit der rechten Hand die Himmelsrosse

Sonne wusste nicht, wo sie Sitz hätte

Mond wusste nicht, was er Macht hätte

Die Sterne wussten nicht, wo sie Stätte hatten

Edda, Voluspa 5

 

 

... Die Fichtenzweige neigten sich schwer gen Boden und tropften vor Nässe. Die morgendliche Sonne zwei Tage nach der kürzesten Nacht des Jahres spiegelte sich in einem Heer von Wasserperlen. Brennnesseln, wogende Dolden aufblühenden Fingerhutes und Farnwedel milderten hier und da den Sturz der Tropfen, doch wo sie auf das verfestigte Erdreich des Waldweges klatschten, verbanden sich die Geräusche zu einem gleichmäßigen, leisen Schmatzen.

An diesem Morgen erfuhr das friedliche Leben des Waldes eine rüde Störung. Der frühen Stunde zum Trotz fanden sich rund zwanzig Polizisten auf dem Sachsenberg oberhalb der Harzburg ein, der tausend Jahre zuvor den die Burg belagernden Sachsen als Sammelplatz diente. Die Polizisten kümmerte weder die Bedeutung des Platzes noch die Schönheit der Natur. Geschäftig liefen sie hin und her, bis der Steinkreis inmitten der Lichtung vollständig mit rot-weißem Kunststoffband umzäunt war.

Kriminalhauptkommissar Gerd Wegener war einer der ersten gewesen, der sich den Sachsenberg heraufgekämpft hatte. Nun lehnte er mit der linken Hand an einer Fichte, mit der rechten hielt er sich die eigene Seite, von der schmerzhafte Impulse ausgingen, während er darauf wartete, dass sich sein Atem beruhigte. Von der Anstrengung des Aufstiegs flimmerte es ihm vor den Augen, dennoch bemerkte er den sorgenvollen Blick, den sein junger Kollege Kriminaloberkommissar Andreas Kamenz Tilla Leinwig zuwarf. Die sonst so quirlige junge Frau mit den flammend roten Locken saß unbeweglich auf einer grob gezimmerten Bank für Wanderer und stierte leer in den Fichtenwald, vermutlich um den Steinkreis mit der Toten in der Mitte nicht sehen zu müssen.

Andreas Kamenz bemerkte seinen Chef und kam auf ihn zu. Da es Wegener noch immer an Luft mangelte, begrüßte er ihn nur mit einer vagen Handbewegung und überließ ihm das Reden, während er noch eine Weile vernehmlich keuchte. Kamenz schloss seinen Bericht mit der betretenen Erklärung, dass Tilla, als sie ihre tote Freundin erkannte, auf den Steinkreis zugelaufen sei und er sie erst kurz vor Erreichen des Tatortes habe abfangen können. „Der aufgewühlte Boden dort … Er stammt von uns … Wir sind gefallen.“

Wegener brachte es nicht bis zu dem eigentlich angebrachten Tadel, sondern beschränkte sich auf ein gekeuchtes: „Sag’s gleich … den Tatorttechnikern … noch mal.“

Allmählich ließ das Flimmern vor seinen Augen nach und Gerd Wegener konnte die Einzelheiten des kleinen Steinkreises inmitten der Fichtenlichtung in sich aufnehmen. Sechs graue Klötze umringten die Leiche, neigten sich von ihr weg, als erschräken sie vor dem Anblick. Nachdenklich betrachtete Wegener den die durchnässte Kleidung der der jungen Frau. Das üppige lange Haar verbarg eine Hälfte des blassen Gesichtes. Es schien geradezu ungehörig, dass sich die Tote in so grotesker Weise um den jungen Baum im Zentrum des Steinkreises wand. Es wirkte, als wolle sie sich durch einen Griff um den dürren Stamm am Leben festhalten.

Endlich trafen die Kollegen von der Spurensicherung ein. In diversen Alukoffern führten sie ihre Ausrüstung mit sich. Wie schon Gerd Wegener zuvor verharrten sie nach Luft schnappend und mit hochroten Gesichtern in den bizarrsten Stellungen; an Bäumen Halt suchend, die Hände auf die Oberschenkel gestützt oder sogar in der Hocke.

Endlich beruhigte sich das konzertierte Keuchen. Die Routine konnte beginnen und doch zögerten alle gleichermaßen, den Steinkreis zu betreten. Hier ein Hüsteln, da ein Nesteln - niemand wollte der Erste sein. So umringten die Polizisten in eigentümlicher Starre den Kreis aus Grauwackeklötzen.

Der Harz zähmte so manchen starken Geist und er brachte auch so manchen Jünger des logischen Denkens dazu, einer plötzlichen Empfänglichkeit für archaische Ängste nachzugeben, von denen man geglaubt hatte, sie mit der Kindheit abgelegt zu haben. Es spielte keine Rolle, ob dieser Steinkreis viele Generationen zuvor erstellt oder erst drei Tage zuvor von irgendjemandem zusammengeschoben worden war. Ein solcher Kreis hatte immer etwas Magisches, geradezu als erfordere es eine besondere Berechtigung, ihn zu betreten und damit zu entweihen. Einer der steinernen Wächter war in Quaderform gezähmt, die anderen hatten ihre natürliche Form behalten. Sie waren unterschiedlich groß und unregelmäßig verteilt, einige hatten einen leichten Moosbelag angesetzt.

An der Rechtsmedizinerin Dr. Hannah Giresch prallte der Zauber ab. Unbeeindruckt durchschritt die schlanke, blonde Frau den Ring, den die Polizisten bildeten, um sodann ohne zu zögern den Steinkreis zu betreten, wo sie sich hinhockte, um sich der Toten zu widmen. Als wäre dadurch ein Bann gebrochen, begannen die Polizisten noch geschäftiger als sonst umherzueilen. Vermutlich war ihnen der merkwürdige Moment des kollektiven Verharrens gleichermaßen peinlich.

Gerd Wegener hatte seine Kollegen ebenso interessiert wie amüsiert beobachtetet, bevor er sich der Frage widmete, was es zu bedeuten haben könnte, dass eine Tote ausgerechnet in einem Steinkreis lag.

„Ich würde schätzen, sie liegt seit etwa zwei Tagen hier.“ Die Rechtsmedizinerin wechselte kurz die Stellung. „Genauer kann ich es erst bei der Obduktion bestimmen.“

„Seit zwei Tagen schon?“ Wegener sah sich um. „Ist das hier nicht eigentlich ein ziemlich frequentiertes Wandergebiet?“

Andreas Kamenz warf ein: „So wie es in den letzten Tagen geregnet hat, da geht doch keiner spazieren! Außerdem sind keine Ferien. Es sind noch keine Touristen da.“

Wegener grunzte zustimmend und sah zu, wie der Kollege erfolglos versuchte, seine Lederjacke sauberzuwischen. Ein kurzer Blick zur Bank zeigte ihm, dass Tilla Leinwig ebenso mit Resten des Waldbodens besudelt war wie Kamenz. Mit der sich aufdrängenden Vorstellung von seinem jungen Kollegen und Tilla Leinwig, die sich verschlungen am Boden wälzten, stieg Ärger in dem sonst so ausgeglichenen Kommissar auf. Noch schluckte er seinen Unmut herunter. Die Standpauke, die er Kamenz zugedachte, musste warten.

„Also auf den ersten Blick kann ich euch nicht sagen, woran sie starb.“ Hannah Giresch beleuchtete das Gesicht der Toten mit einer kleinen Taschenlampe. Zentimeter um Zentimeter fraß sich der Lichtfinger über weiße Haut, bleiche Lippen bis hin zu den milchigen Augen, wo er für einen Moment verharrte. „Punktförmige Einblutungen in die Bindehaut … Sie sind zwar dezent, aber ich denke, das werde ich mir genauer ansehen müssen - was bedeutet, dass die Hübsche zu mir ins Institut gebracht wird“, verkündete die Rechtsmedizinerin, woraufhin gleich mehrere Beamte nach ihren Telefonen griffen, um das Notwendige in die Wege zu leiten. „Solche Petechien können ein Zeichen für hypokapnisches Ersticken sein.“

„Ist sie gewürgt worden?“, fragte Andreas Kamenz.

Dr. Giresch beleuchtete kurz den Hals der Toten. „Würgemale sehe ich nicht. Aber Hypokapnie ist auch nur eine mögliche Ursache für Petechien. Die könnten theoretisch auch von starkem Husten oder von Erbrechen herrühren.“

„Und sonst? Keine Wunden?“, wollte Wegener wissen.

„Bisher sehe ich nichts Auffälliges.“

„Hat sie irgendetwas bei sich?“, fragte Andreas Kamenz.

Hannah Giresch befühlte die Kleidung der Toten und blickte sich kurz um. „Eine Handtasche sehe ich auch nicht.“

Gerd Wegener bat den Kollegen, der die Tatorttechniker koordinierte, nach einer Damenhandtasche suchen zu lassen. Gerd Wegener und Andreas Kamenz standen noch immer außerhalb des Steinkreises, da die Rechtsmedizinerin ihre Arbeit noch nicht beendet hatte. Wegener registrierte eine kleine, unmoderne goldene Uhr am Handgelenk der Toten sowie den Umstand, dass die junge Frau keine Jacke trug. Zwei Tage zuvor war es sehr warm gewesen. „Sie ist sehr einfach gekleidet. Ich glaube nicht, dass sie irgendetwas dabei hatte, was jemanden veranlasst, so ein Mädchen auszurauben.“

„Raubmord? Nee, das glaube ich auch nicht“, stimmte ihm Kamenz zu.

„Seid nicht zu voreilig, Leute. Ich bin mir nicht sicher, ob sie überhaupt ermordet wurde“, warf Hannah Giresch ein.

„Was soll denn sonst mit ihr passiert sein? Sie ist jung, so jemand fällt doch nicht einfach beim Wandern tot um“, meinte Andreas Kamenz, während Wegener diese Möglichkeit für einen Moment ernsthaft in Erwägung zog, da er selbst vor knapp zehn Minuten gekeucht hatte wie eine menschgewordene Dampfmaschine kurz vor dem Ableben. Unschlüssig betrachtete der Goslarer Hauptkommissar die Kriminaltechniker in ihren weißen Overalls, die das Gebiet sorgfältig absuchten. Mehrere rote Markierungshütchen zierten den schmalen Pfad, der von dem eigentlichen Rundweg abwich und einen Schlenker zu diesem Steinkreis machte.

„Keine einzige Verletzung … absolut nichts“, hörte Wegener die Rechtsmedizinerin sagen.

Einer der Kriminaltechniker trat zu dem Goslarer Kommissar und deutete auf eine Reihe von roten Hütchen. „Also, für ein friedliches Ableben hat sie ganz schön merkwürdige Fußspuren hinterlassen. Mal kleine Schritte, mal große Schritte, ziemlich schwankend … Hier vor dem Steinkreis sind mehrere sich überlagernde Fußabdrücke. Sie ist wohl im Zickzack gelaufen. - Schade, dass der Herr Kollege hier so nachhaltig auf alle Spuren gefallen ist“, schloss er spitz.

Kamenz, der sich angegriffen fühlte, fragte schärfer als nötig: „Was denn nun? Ist sie gelaufen oder geflohen?“

Bevor es zwischen den beiden zu einem Streit kommen konnte, erklärte Wegener: „Wir müssen erst einmal den genauen Todeszeitpunkt wissen. Wenn sie nachts hier herumirrte, müssen die Fußspuren anders interpretiert werden als tagsüber. Nachts könnte sie in Panik geraten sein.“

„Ob Tag oder Nacht, ich bin für Flucht!“, verkündete der Kollege von der Tatorttechnik mit der Endgültigkeit eines Evangeliums.

„Aber dann könnte sie doch eigentlich nur von der Burg gekommen sein“, nahm Wegener den Gedanken auf. „Wer flüchtet denn bergauf?“

„Das wäre irgendwie widersinnig“, stimmte Kamenz ihm zu.

Wegener besah sich den schmalen Waldweg und wandte sich wieder an den Kollegen. „Gibt es denn noch weitere Fußspuren?“

Der Tatorttechniker verzog das Gesicht. „Na ja, hier und da sieht es aus, als gäbe es eine zweite Spur, aber ich kann nicht mit Sicherheit sagen, wie alt die ist. Wegen der Nässe ist nicht mehr viel davon zu sehen. Ihre Spur …“ Er wies mit dem Kinn auf die Tote, „ … kann ich noch ganz gut erkennen, weil sie Trekkingschuhe mit starkem Profil trug.“

Wegener folgte dem Fingerzeig und schaute durch eine Fichtenschneise abwärts. „Wie? Die Spur kam von dort unten? Dann ist sie ja gar nicht den Schildern gefolgt - sie ist den Besinnungsweg quasi rückwärts gelaufen, bevor sie starb.“

„Gerd …“ Hannah Giresch hatte die Blusenärmel der Toten hochgeschoben: Auf dem Arm der jungen Frau waren eilig zwei Kreise gemalt worden. Die Muster darin waren ebenso wie der Schriftzug darunter stark verwischt.

„Was soll das denn sein?“, fragte Wegener.

„Soll ich Tilla danach fragen?“, bot Andreas Kamenz an.

Doch Wegener schüttelte den Kopf. „Nein. Noch nicht.“

Andreas Kamenz schaute erstaunt, nahm die Entscheidung seines Chefs jedoch kommentarlos zur Kenntnis. Dr. Giresch erhob sich und überließ die Leiche einem Kollegen in weißem Tyvekanzug, der sich anschickte, wasserfeste Tüten über die Hände der Toten zu stülpen, um Spuren zu sichern.

Kamenz runzelte die Stirn. „Warum hat sie eigentlich die Fäuste geballt? Hat sie vor ihrem Tod gekämpft?“

Hanna Giresch zog sich die Latexhandschuhe mit einem klatschenden Geräusch von den Händen und stopfte sie in eine weitere Beweismitteltüte. „Nein, ihr Körper weist keinerlei Kampfspuren auf. So etwas kann auch Folge eines Krampfes sein. Entweder von irgendeinem Toxin oder es gab eine Verletzung in einer bestimmten Hirnregion. Das kann ich im Moment noch nicht sagen. Ist aber nicht ungewöhnlich.“ Die Rechtsmedizinerin griff nach ihrem Koffer und warf einen letzten Blick auf die Tote. „Jungs, ich sehe sie mir wegen der Petechien zwar noch mal an, aber wenn ihr mich fragt, ich glaube, das ist gar kein Fall für die Mordkommission“, schloss sie und stapfte zielstrebig davon.

Tilla, die sich mittlerweile von der Bank erhoben und den Ermittlern genähert hatte, starrte ihr mit großen Augen nach. Sie zeigte auf Dr. Giresch. „Ist die verrückt geworden? Natürlich ist Dorothee ermorden worden!“

Andreas Kamenz wich ihrem hilfesuchenden Blick aus.

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